Editorial

Vom Ende her gelesen

Einen Krimi vom Ende her zu lesen verdirbt das Vergnügen. Wer schon weiss, wer der Täter ist, dem fehlt die Spannung, die Suche, das Mitfiebern. Das Leben jedoch vom Ende her zu lesen, kann noch mehr nehmen als nur die Spannung. Es kann einengen. Plötzlich steht da die Frage: Habe ich genug erlebt? Habe ich alles geschafft? Habe ich nichts verpasst? Das Leben wird zur Liste, die abgearbeitet werden will. Und je näher das Ende rückt, desto grösser wird der Druck. So gelesen verliert das Leben an Leichtigkeit. Es wird eng, manchmal sogar sinnlos. Denn wenn am Ende alles abgeschlossen ist, bleibt die Frage: Wozu das alles?

Und dann kommt Ostern.

Mit Ostern wird das Ende nicht gestrichen, aber es wird verwandelt. Es bleibt ein Ende, und doch ist es zugleich ein Anfang. Nicht ein harter Schlusspunkt, sondern ein Übergang. Ein Durchgang. Der Tod hat nicht mehr das letzte Wort. Das verändert den Blick. Wer vom Ende her im Licht von Ostern liest, entdeckt etwas Neues: Das Leben muss nicht vollendet werden, um Sinn zu haben. Es trägt seinen Sinn in sich, weil es von Gott her gehalten ist. Nicht das Erledigte zählt, sondern das Gelebte. Nicht die Vollständigkeit, sondern die Beziehung. Auf diese Weise wird eine neue Freiheit geschenkt. Freiheit, unvollständig zu bleiben. Freiheit, nicht alles erlebt haben zu müssen. Freiheit, das Leben zu wagen, ohne ständig auf sein Ende zu schauen.

Seit der ersten Osternacht dürfen Christinnen und Christen so vom Ende her lesen. Nicht mit Angst, sondern mit Vertrauen. Nicht mit Druck, sondern mit Weite. Das ist die Freude von Ostern: dass das Leben wieder Raum bekommt.

In diesem Sinne wünscht das Team des Pastoralraums am Mutschellen ein frohes und gesegnetes Osterfest.

Michael Jablonowski

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